Gedanken zum 7. Sonntag in der Osterzeit, A

von Pfarrvikar Anton Kopp, Irlbach/Opf.
Joh 17,1-11a; Apg 1,12-14
"Hat Jesus uns allein gelassen?"

 

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

„Euch kann man aber auch keine Minute allein lassen!“ – Kinder bekommen solche Worte schon mal öfter zu hören. Es ist kein besonders großes Lob, wenn einem bescheinigt wird, dass man alleine nichts zustande bringt – außer Blödsinn.
    Wie viel besser klingt es da, wenn man ein Lob bekommt: „Das hast du gut gemacht!“. Nicht nur Kinder spornt es an, sich zu verbessern, wenn sie hören: „Ich bin stolz auf dich! Das hast du ganz alleine geschafft? Toll!“
 
Mit diesem Gedanken möchte ich auf die Lesung und das Evangelium schauen. Am Donnerstag haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert. Sozusagen „von einem Augenblick auf den anderen“ hat Jesus seine Jünger, seine Freunde verlassen. „Ich gehe zum Vater“, hat er noch gesagt; und dann war er weg.
    Wundern tut es mich nicht, dass die Schar seiner Jünger jetzt einen „Durchhänger“ hat. Jesus ist nicht mehr da: Wie soll es weitergehen?!
Gerade erst haben sie Ostern ein bisschen „verdaut“: die Gefangennahme und Kreuzigung Jesu, seine Beerdigung und Auferstehung, sein Erscheinen bei den Jüngern ... alles irgendwie sehr verwirrend. – Und dann, nach gut sechs Wochen, verabschiedet er sich plötzlich und ist nicht mehr da!
    Noch ist nicht Pfingsten. Noch erfüllt nicht diese „heilige Begeisterung“ die Jünger. Noch sitzen sie zusammen in ihrem Obergemach und reden und denken nach und ... beten. Sie beten wahrscheinlich, dass sie die versprochene Hilfe von Gott bekommen; dass sie endlich wissen, wie es weitergehen soll.
    Kennen wir nicht manchmal auch solche Zeiten, wo wir niedergedrückt sind? Wo wir der Meinung sind: „Jetzt geht gar nichts mehr!“ – oder wo wir uns fragen: „Wie lange soll das denn jetzt noch dauern ...!?“
    Allein gelassen ... aber: Was wäre gewesen, zum Beispiel, wenn die Eltern uns nicht zugetraut hätten, dass wir einmal für Stunden oder sogar für einen ganzen Tag allein zu Hause bleiben? Ohne, dass jemand aufpasst? Tut es nicht jedem gut, wenn er Vertrauen geschenkt bekommt? Geschenktes Vertrauen macht einen erwachsener, selbständiger, souveräner.
    Was hätte sich entwickeln können, wenn Jesus praktisch „ewig“ bei seinen Jüngern geblieben wäre? Sie vielleicht sogar bevormundet hätte? Hätte sich da ein lebendiges Christentum überhaupt entwickeln können?


    Jesus geht zum Vater. – Darf man das so verstehen: damit seine Jünger und Freunde endlich auf eigenen Beinen stehen können? – Vermutlich war keiner der Apostel der „perfekte Heilige“.
    Petrus, zum Beispiel: Er ist mutig und scheint voller Kraft zu sein; er ist schwer begeistert für Jesus und seine Botschaft ... Aber er fällt auch buchstäblich ins Wasser, er verleugnet Jesus und macht auch schon mal unsinnige Vorschläge.
    Oder Jakobus, der sich mit seinem Bruder schon ausmalt, welche Jünger im Himmel die ersten Plätze einnehmen werden.
    Oder Thomas, der dem Glauben allein nicht so recht traut und lieber handfeste Beweise sehen möchte; der aber mit seinen Zweifeln auch zum Nachdenken anregt.


    Trotzdem: Jesus traut es gerade diesen Jüngern zu, dass sie es alleine schaffen, ohne ihn. Ihr Glaube soll auf eigenen Beinen stehen. Die Jünger haben Jesus in den verschiedenen Lebenssituationen erlebt. Sie haben mitbekommen, wie er reagiert hat auf Menschen, die ihm begegnet sind: wie er sich um Arme und Kranke gekümmert hat; wie er kritisch war gegenüber selbstgerechten Zeitgenossen; wie er klug erdachte Fragen als sinnlose Gedankenspielerei entlarvt hat; wie er gezeigt und immer wieder gepredigt hat, worauf es wirklich und einzig ankommt: auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten.
    Diese frohe Botschaft haben die Jünger gehört, gesehen, erlebt, erfahren. Sie sollen das jetzt weiterführen.
    Man könnte sagen: Sie haben das Rezept dafür, wie sie leben und wie sie Gott in die Herzen der Menschen bringen können. Sie haben von Jesus mitbekommen, wie das geht. – Aber von jetzt an sind sie selber dran!
    Jesus gibt ihnen diesen Auftrag bei seinem Abschied. Für manchen Jünger wird es eine Zumutung gewesen sein, und sie haben sich gefragt: Was, das sollen wir alleine schaffen? Die Aufgabe ist doch viel zu groß für uns. – Aber Jesus mutet es ihnen zu. Man könnte auch sagen: Er traut es ihnen zu. Er setzt sein ganzes Vertrauen in diese Leute.


    An Pfingsten haben die Jünger das endlich so verstanden. Da ist ihnen buchstäblich ein Licht aufgegangen: Wir sind in den Augen Gottes keine kleinen Kinder, die man keine Minute lang allein lassen kann; wir sind seine Freunde, seine Erben, von Jesus bevollmächtigt! – Und das gilt übrigens auch für uns: als die – religiös gesehen – Nachfahren der Apostel.
    Gott hat durch Jesus gesagt: Jetzt kann ich euch allein weitermachen lassen. Ich weiß, ihr schafft das. Und ihr habt mein ganzes Vertrauen.
    Pfingsten hat für mich ganz viel damit zu tun, dass ich dieses Vertrauen Gottes in mir spüre. Dieses Vertrauen macht frei, es beflügelt, es begeistert. In acht Tagen ist Pfingsten: das Fest, an dem wir die Sendung des Heiligen Geistes feiern. Gott ist mit uns. Mit seinem ganzen Vertrauen wirkt ER in uns.

 

                      – Amen.


Anton Kopp, 24. Mai 2020